Wissen schafft Heilung

 

Forschungsprojekte

Forschungsaktivitäten der Abteilung für Klinische Toxikologie



Antidot-/Anticalin-Forschung

Ein wichtiges Themenfeld in der Antidotforschung ist die Frage, ob Anticaline (Lipocaline mit spezifischer Bindungsdomäne gegenüber Toxinen) sowohl in vivo als auch in vitro geeignet sind, die Toxizität bestimmter Substanzen zu reduzieren oder aber eine klinische Toxin-Wirkung zu blockieren. In einem Pilotprojekt konnte für ein Digoxigenin-bindendes Anticalin [Digical DigA16(H86N)] gezeigt werden, dass DigiCal sowohl in vitro als auch in vivo konzentrationsabhängig die freie Digoxin-Konzentration im Plasma dramatisch absenkt und klinisch neben einer reduzierten Mortalität auch weitere hämodynamische, elektrokardiographische und klinische Parameter signifikant günstig beeinflusst. In Kooperationsprojekten mit dem Lehrstuhl für Biologische Chemie der TUM sollen andere Anticaline mit Bindungsaffinität gegenüber spezifischen Targetmolekülen synthetisiert und präklinisch geprüft werden, z.B. Colchicin.



Amatoxin-Projekt

Zur besseren Charakterisierung der Amatoxin-Aufnahme in Hepatozyten werden am Zellmodell intrazelluläre Signalwege und deren mögliche Beeinflussbarkeit durch spezifische Antidota erforscht. Dies erfolgt in Kooperation mit dem Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Bundeswehr am Standort Sanitätsakademie.

In einer prospektiven Auswertung schwerer und fataler Amatoxinvergiftungen wird folgende Frage untersucht:

In einer retrospektiven Studie (198 Patienten; 23 fatale Verläufe; 30 Krankenhäuser aus 9 Ländern) wurden Prognosekriterien für einen fatalen Verlauf und einen nicht-fatalen Verlauf entwickelt und in ein zeitabhängiges Entscheidungsmodell integriert. Um einen Bias auszuschließen, der möglicherweise durch das retrospektive Studiendesign oder den langen Beobachtungszeitraum (35 Jahre) bedingt ist, sollen in einem unabhängigen und aktuellen Kollektiv die Prognosekriterien überprüft werden.



Suchtmedizinische Forschung

Aufgrund der hohen Zahl Alkoholabhängiger und von anderen Suchtmitteln abhängiger Patienten werden folgende Fragestellungen bearbeitet:

  • Stellenwert neuer medikamentöser Ansätze in der Entgiftung: z.B. Dexmedetomidin oder Antikonvulsiva (Valproat, Topiramat, Pregabalin, Levetiracetam) in der adjunktiven Behandlung des Alkohol- und/oder Opiatentzugs.
  • Prospektive Biodatenbank zur phänotypischen und genotypischen Charakterisierung Alkoholkranker Suchtpatienten (ToxALC). Seit 1.10.2013 werden Patienten prospektiv rekrutiert, um Fragen von somatischen Folgeerkrankungen mit suchtspezifischen Charakteristika zu korrlieren. Es besteht ein Kooperationsprojekt mit Gastroenterologen und Hepatologen, um genetische Risikofaktoren für die Entwicklung der alkoholischen Leberzirrhose zu detektieren.
  • Die Abteilung ist zudem als Studienzentrum an einem multinationalen und vom National Institute of Health (NIH) / National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (NIAAA) geförderten Projekt zur genetischen Erforschung der Alkoholischen Leberzirrhose beteiligt (GenomALC; www.genomalc.org) 
  • Gastroenterologie und Hepatologie - Therapie bei opiatabhängigen Patienten mit chronischer Virushepatitis B oder C; ggf. Rekrutierung von Studienpatienten; Fibroscan bei Alkoholkranken; klinische und laborchemische Korrelation zum Schweregrad einer alkoholinduzierten Hepatopathie; genetische Prädiktoren für die Entwicklung spezifischer Alkoholfolgekrankheiten.

Langzeitkatamnesen bezüglich Abstinenzzeiten, Gesundheitszustand und Lebensqualität nach Alkoholentzug und Therapie; Stellenwert einer  qualifizierten suchtmedizinischen Behandlung im Vergleich zu einer "Standard"-Entgiftung.



Toxikologische Intensivmedizin

  1. Erweitertes hämodynamisches Monitoring bei spezifischen Vergiftungen durch z.B. ß-Blocker, Calciumantagonisten, Trizyklika und Neuroleptika (CardioTOX)
  2. Lipid-Rescue-Therapie bei Intoxikationen


Toxikologie/Orthopädie/HNO/Neurologie/Augenklinik

Toxikologische Analytik, Beratung und ggf. Behandlung von Patienten mit Prothesen-Dysfunktionen (i.d.R. Metall-auf-Metall Hüft-TEP) und gleichzeitiger Belastung durch Abrieb von Prothesenmaterial (v.a. Kobalt & Chrom). Kooperation mit Kollegen der Orthopädie (Prof. von Eisenhart-Rothe), HNO (Ltd. OA PD Dr. Stark) und Neurologie (Dr. Voth), um toxikologische Folgeschäden besser einschätzen zu können (z.B. Schwermetall-induzierte Hörminderung; Polyneuropathie) .



Psychiatrie 

Suizidforschung und Prävention



Giftnotruf

Statistiken, Telefoninterventionen, Aufbau einer nationalen Falldatenbank in Kooperation mit der Gesellschaft für Klinische Toxikologie (GfKT); Pilzdatenbank: Identifikation von neuen Pilzsyndromen oder unbekannten Symptomen bekannter Pilzsyndrome mit qualitativer Pilzidentifikation (zertifizierte Mykologin/CTA des toxikologischen Labors).



Auswertung von Vergiftungsfällen mit qualitativer und quantitativer Analytik

Prospektive und retrospektive Kohortenstudien (laufendes Promotionsverfahren bei Vergiftungen mit neueren Psychopharmaka); eigenes Patientengut bzw. Kooperationsprojekt mit Giftnotrufzentralen im deutschen, österreichischen und schweizerischen Raum über die Gesellschaft für Klinische Toxikologie (GfKT).



Prospektive Erfassung von Kasuistiken nach Ingestion von Großpilzen (ProPi)

Die Studie ist ein Gemeinschaftsprojekt der Gesellschaft für Klinische Toxikologie (GfKT). Teilnehmende Giftinformationszentren sind: Erfurt, Göttingen, Freiburg, Mainz, München und Zürich, die Projektleitung liegt bei der Toxikologischen Abteilung des Klinikums rechts der Isar. Die Datensammlung wurde 2010 begonnen und umfasst derzeit 110 Falldokumentationen. 

Es erfolgt eine prospektive und standardisierte Sammlung von Verläufen nach Verzehr von eindeutig identifizierten Großpilzen, um 

  1. Fälle nach Ingestionen von Pilzen bisher unbekannter Giftigkeit zu sammeln
  2. Fälle mit bisher Vergiftungssymptomen nach Ingestion eindeutig identifizierter Pilze zu erkennen

Die Dokumentation von klassischen Toxidromen ist nicht Ziel der Studie, wohl aber die Dokumentation bisher unbekannter Verläufe nach Ingestion von bekannten Pilzen.